Ist es wirklich gesund, Sonne zu vermeiden? Experten kritisieren "No-Sun-Politik"
Von der Warnung zu einem differenzierten Umgang?
Zu viel UV-Strahlung kann Hautkrebs verursachen. Deshalb raten Experten seit Jahrzehnten, Sonnenlicht strikt zu vermeiden. Doch Sonnenlicht hat zahlreiche positive Effekte auf unsere Gesundheit. Das belegen immer mehr Studien und sorgt für Diskussionen in der Fachwelt. Passt die „No-Sun-Politik“ noch zu den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen? Führende Forscher aus unterschiedlichen Fachdisziplinen beleuchteten diese Frage 2024 auf einer internationalen Konferenz. Dabei standen vor allem die gesundheitlichen Aspekte des UV-Lichts im Mittelpunkt, die nicht mit der Vitamin-D-Produktion zusammenhängen.
Empfehlungen zum Sonnenlicht: Vom Schutz zum Nutzen
Die Debatte über Sonnenlicht und Gesundheit ist fast ein Jahrhundert alt. Schon 1928 erkannte man, dass UV-Strahlen Hautkrebs verursachen können. In den 1940er Jahren stellten Wissenschaftler jedoch ein Zusammenhang zwischen mehr Sonnenlicht und einer geringeren Krebssterblichkeit fest. Nichtsdestotrotz empfehlen Regierungen seit den 1950er Jahren, sich vor zu viel Sonnenlicht zu schützen, um Hautkrebs zu vermeiden. Erst in den letzten Jahren entstanden Zweifel, dass diese „No-Sun-Politik“ möglicherweise zu einseitig sei und eine moderate Sonneneinstrahlung wichtige gesundheitliche Vorteile habe, insbesondere in Ländern mit geringer Sonnenscheindauer.
Wichtige Forschungsergebnisse
- Epidemiologische Studien zeigen, dass Menschen, die mehr Sonnenlicht oder UV-Strahlen abbekommen, seltener an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs sterben. Das ist besonders in Skandinavien und Großbritannien zu beobachten. Der Unterschied in der Lebenserwartung ist so groß wie der zwischen Rauchern und Nichtrauchern.
- Untersuchungen zeigen, dass UV-Strahlen mehr können als die Bildung von Vitamin D zu fördern. Die UVA-Strahlung des Sonnenlichts sorgt dafür, dass in der Haut Stickstoffmonoxid (NO) freigesetzt wird. Das hilft, den Blutdruck zu senken und das Risiko für Herzkrankheiten zu verringern. UV-Strahlen aktivieren auch die neuroimmuno-endokrinen Bahnen - die Zusammenarbeit zwischen Gehirn, Hormonen und Immunsystem. Sie beeinflussen das Immunsystem auf vielfältige Weise und können möglicherweise das Risiko von Autoimmunerkrankungen senken.
-
Sonnenlicht versus Vitamin-D-Supplementierung: Vitamin-D-Mangel wird mit einer höheren Sterblichkeit und vielen Erkrankungen in Verbindung gebracht. Große Studien mit Nahrungsergänzungsmitteln zeigen jedoch, dass sich die Einnahme von zusätzlichem Vitamin D in erster Linie positiv auf die Knochengesundheit auswirkt, auf alle anderen nicht knochenbezogenen Ergebnisse nicht. Dies deutet darauf hin, dass Sonnenlicht selbst – und nicht nur Vitamin D – gesundheitliche Vorteile bietet.
Was bedeutet das für die Gesundheitspolitik?
Die Wissenschaftler fordern, dass der Umgang mit Sonne in manchen Ländern, vor allem in nördlichen Ländern, angepasst werden sollte. Die aktuelle „No-Sun-Politik“ basiere auf Erfahrungen in sonnenreichen Ländern wie Australien, wo die Menschen der Sonne stark ausgesetzt sind. In Ländern mit weniger Sonne könnten sich mehr Sonnenstunden sogar positiv auf die Gesundheit auswirken, solange man keinen Sonnenbrand riskiere. Die Experten schlagen vor, besser aufzuklären und die Sonnendauer auf den Hauttyp, den Ort und die Jahreszeit abzustimmen. Außerdem sollte weiter erforscht werden, wie man Sonnenlicht sicher nutzen kann, z. B. durch kontrollierte Lichttherapien.
Fazit
Die Experten halten es für notwendig, das Gleichgewicht zwischen den Risiken und Nutzen von Sonnenlicht neu zu bewerten. Ihre Empfehlungen basieren auf den neuesten Studien. Sie fordern einen Umgang mit der Sonne, der die Unterschiede zwischen Hauttypen, Standorten mit viel oder geringer Sonneneinstrahlung und Jahreszeiten berücksichtige. Es sei wichtig, sowohl die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen als auch die individuellen Bedürfnisse zu beachten.
Die gesundheitlichen Vorteile von Sonnenlicht gehen also über Vitamin D hinaus und können nicht vollständig durch Nahrungsergänzungsmittel ersetzt werden.